Netzausbau war schon Thema, als man noch glaubte, auf CO2-Ausstoß keine Rücksicht nehmen zu müssen. 2004 und 2005 habe ich zwei Beiträge dazu für Markt und Mittelstand (damals noch beim zu Axel Springer gehörenden Finanzen Verlag im Programm) geschrieben.
Hauptsache, die Statik stimmt
Das deutsche Energieübertragungsnetz muss renoviert werden. Auch ein Ausbau steht wegen der zunehmenden Verbreitung erneuerbarer Energien und der zunehmend dezentralen Versorgung bevor. Die Energietechnikbranche hat beste Wachstumschancen.
New York im August 2003 – Hauptverkehrszeit. Ein Stromausfall legt die Nordküste der USA und weite Teile Kanadas lahm. Aufzüge bleiben stecken. Computer stürzen ab. Fahrgäste sind in den U-Bahnen gefangen. Reisende harren auf Flughäfen und Bahnhöfen aus. Zahlreiche Pendler sitzen in der Stadt fest. Tausende machen sich zu Fuß auf den Heimweg. Andere wollen nicht in ihren dunklen Häuser hocken und versammeln sich daher auf der Straße. Aus ihren abtauenden Kühltruhen verteilen Wirte kostenlos Speiseeis an Passanten. Nach sechs Stunden sind die Eingeschlossenen aus den U-Bahnen befreit. Am nächsten Morgen springt die Energieversorgung zögerlich wieder an.
Im selben Monat fällt in London und im Südosten Englands der Strom aus. Im September erwischt es Südschweden, Ostdänemark und Italien. Längst erhebt sich in Deutschland die bange Frage: Kann so etwas auch hier passieren? Experten einigen sich auf die Formel „Das ist unwahrscheinlich“. Doch der Energiespezialist des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) – heute Vorsitzender des Fachverbands Energietechnik –, Joachim Schneider, warnt Berichten zufolge: „Wir müssen in den nächsten Jahren massiv in die Stromnetze investieren, wenn wir unser Versorgungsniveau halten wollen.“
Noch steht Deutschland vergleichsweise gut da: Im Schnitt sitzt die Bevölkerung hierzulande 15 Minuten pro Jahr im Dunkeln. In Frankreich sind es 55 Minuten, in Italien 253 Minuten. „Wir profitieren noch von der Zeit der Monopolisten“, meint Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur. Doch seit Beginn der Strommarktliberalisierung im April 1998 sind die jährlichen Investitionen der Energiekonzerne in das Netz massiv gesunken: von fünf Milliarden auf 3,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. „Es herrscht Unsicherheit über die Rahmenbedingungen“, begründet Johannes Stein, Leiter des Fachbereichs Energieübertragung und -verteilung des ZVEI. Die Konditionen für die Durchleitung stehen noch nicht fest. „Daher ist nicht klar, in welchem Zeitraum sich Investitionen amortisieren.“
Zwar hat die Branche einen Teil des ausbleibenden Umsatzes durch neue Kunden wettgemacht: So stiegen die Umsätze von fünf Milliarden Euro 1997 auf 7,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Doch die Zahl der Beschäftigten sank von 2001 an um 5000 auf derzeit knapp 61.000 Arbeitsplätze.
Bald wird es mit den Investitionen wieder aufwärts gehen, so die einhellige Erwartung in der Branche. Schließlich ist das Leitungsnetz mittlerweile rund 50 Jahre alt und die Lebensdauer zahlreicher Komponenten bald abgelaufen. „Es wird investiert werden müssen“, betont Stein. Es sei nur noch nicht klar, ob in diesem, nächstem oder in fünf Jahren. Neben dem Investitionsbedarf bei den Netzen sorgt auch die Suche nach Einsparmöglichkeiten mithilfe moderner Technologien und Dienstleistungen für gute Aussichten in der Branche – entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Stromerzeugung bis zum Kunden.
Beim Stromnetz müssen nicht nur bald Komponenten ausgetauscht werden. Zusätzlich werden neue Transportkapazitäten gebraucht. „Der Strom wird nicht mehr verbrauchsnah produziert“, begründet Stein, „sondern er kommt mittlerweile von der Nordsee, aus Frankreich oder aus Tschechien.“ Auch der rasante Zuwachs an erneuerbaren Energien führe zu erhöhtem Bedarf an Netzkapazität. „Für Mittelständler sehe ich hier vor allem Chancen bei der Verbesserung der Übertragungsqualität – Stichwort ‘Power Quality’“, sagt Stein.
Ein Bereich, der bei der Modl GmbH aus Pappenheim ein gutes Drittel der zehn Millionen Euro Jahresumsatz ausmacht. Die rund 100 Mitarbeiter fertigen Geräte, die Störungen in Betriebsnetzen beim Verbraucher vermeiden und so genannte Blindleistungen kompensieren. Diese können Spannungsschwankungen ausgleichen und so Produktionsausfälle verhindern. Kunden sind vor allem Industriebetriebe aller Größen und Branchen. „Dort liefern wir dann nur die Bauteile und Komponenten hin“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Klaus Modl. Auch Banken, Versicherungen oder etwa Kaufhäuser gehören zu den Abnehmern – Kunden, die die Elektrizität im Haus transformieren und verteilen. „Dort wird das Gerät dann in die hauseigenen Netze integriert.“
Trotz Einbrüchen in den vergangenen Jahren hält Klaus Modl die Absatzchancen für ausgezeichnet. „Geräte zur Erhöhung der Stromqualität werden immer benötigt“, ist er überzeugt. „Egal ob der Strom atomar erzeugt wird oder von einer Windkraftanlage oder Brennstoffzelle.“ Künftig will sich Modl verstärkt an Installateure der Anlagen wenden. Hier sei der Wettbewerb zwar groß, aber die Preise seien besser als in der Industrie. Der Anteil der Industriekunden soll dadurch von 60 auf 50 Prozent sinken. Auch das Auslandsgeschäft vor allem mit Westeuropa will Modl ausbauen – nicht allein weil der deutsche Markt zur Zeit schwächelt.
Einen anderen Weg, von der Entwicklung der Netze zu profitieren, geht die AEG ursatronics GmbH in Berlin. Drei der vier Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen mit seinen 40 Mitarbeitern im Bereich der Fernwirktechnik. Der umfasst Software und Geräte, mit denen sich Energieübertragungsnetze steuern lassen. Auch wenn der Markt mit dem Rückgang der Netzinvestitionen kräftig eingebrochen ist – Rolf Middendorf, geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter, ist optimistisch. „Wir konnten unser Geschäftsvolumen gegen den Trend um zehn Prozent pro Jahr steigern.“
Wenn auch nicht mit den bisherigen Kunden. Seit zwei Jahren baut das Unternehmen den Bereich Elektronikdienstleistungen zum zweiten Standbein auf – mittlerweile ein Viertel des Umsatzes. Und auch beim traditionellen Standbein, der Fernwirktechnik, hat sich der Abnehmerkreis verlagert: von den traditionellen Energieversorgern und Stadtwerken hin zu Großunternehmen. Die Fernwirksysteme steuern und überwachen Versorgungsnetze für Elektrizität, Gas, Wasser und Fernwärme und im Verkehrswesen und werden im Umweltschutz, der Abwasseraufbereitung und -entsorgung sowie in Industrieanwendungen verwendet.
„Der Elektronik ist es egal, in welchem Produkt sie eingesetzt wird“, freut sich Middendorf. Dass viele Kunden aus dem Bereich Verkehr kommen, habe vor allem marktstrategische Gründe. „Wir profitieren hier von unserem Renommee bei der Bahn“, sagt Middendorf. Dort ist sein Unternehmen als Zulieferer erster Güte gelistet. „Für unsere Dienstleistungen an Hersteller der Klima-, Anzeige oder Durchsagetechnik interessieren sich daher zunehmend auch andere Bahngesellschaften und -zulieferer.“
Den Einbruch bei den traditionellen Abnehmern sieht Middendorf daher gelassen. „Chancen sehen wir auch in Zukunft, aus zwei Gründen“, erklärt er. Je dezentraler die Netze werden, desto mehr dezentraler Steuerungsbedarf sei da. „Und das spricht für die Fernwirktechnik“, weiß er. Außerdem tauschen viele Kunden ihre bisherigen Technologien durch modernere aus. Grund sind die Neuerungen bei den Kommunikations- und Datenübertragungstechniken. Statt Standleitungen aus Kupfer kommen heute Lichtwellenleiterverbindungen oder auch Funknetze mit Ethernet- und GSM-Anwendungen zum Einsatz. „Diese Entwicklung stellt auch veränderte Anforderungen an die Fernwirtechnikprodukte“, erläutert Middendorf. Daher sind acht der 40 Mitarbeiter in der Entwicklung tätig.
Auch Entwicklungsleistungen bietet AEG ursatronics seinen Kunden an. „Gemeinsam mit dem Kunden stellen wir fest: Was soll ein Produkt können, wie soll es aussehen, was soll es kosten“, erläutert er. Anhand eines Pflichtenheftes entwickeln wir für das Unternehmen dann den Prototyp der Elektronik und fertigen später das Produkt etwa für Geräte der Medizintechnik oder für Anzeigetafeln bei U- und S-Bahnen.
Im Bereich der Dienstleistungen sieht Stein vom ZVEI für Mittelständler ausgezeichnete Wachstumschancen, vor allem mit Angeboten zur Effizienzsteigerung. „Die Spanne reicht dabei von der Beratung über das Schleifen von Turbinenschaufeln bis zu pfiffigen Contracting-Modellen“, sagt er. Beim Contracting übernimmt der Dienstleister für ein Unternehmen die Energieversorgung. „Dabei können mehrere kleine, sparsame und emissionsarme Kraftwerke zu einem so genannten virtuellen Kraftwerk zusammengeschaltet werden und ein größeres Kraftwerk ersetzen“, sagt Stein. „Oder das Steinkohlekraftwerk eines Chemiekonzerns durch ein Biomassekraftwerk ersetzt werden.“
Ulrich Kaier, Gründer und Geschäftsführer der Bioenergie GmbH in Heidelberg, ist seit mehr als 20 Jahren im Bereich dezentraler Energieversorgung und Contracting tätig. Zuletzt fünf Jahre als Geschäftsführer der STEAG Energie Contracting GmbH, mit der sein Unternehmen auch heute noch arbeitet. „Wir haben über 300 Projekte realisiert“, sagt er. „80 Prozent davon klassisch mit Einspartechnik oder Kraft-Wärmetechnik.“ Mit ansehnlichem Erfolg: Dynamit-Nobel im niedersächsischen Reinsdorf halbierte dank Kaiers Beratung den Energiebedarf nahezu. Europas größte Fabrik für Küchenherde, die Bosch-Siemens im bayrischen Traunreut betreibt, spart dank Kaier 30 Prozent Verbrauchskosten. Und der Dachziegelhersteller Eternit senkte die Energiekosten um mehr als ein Viertel. „Zehn Prozent sind immer drin“, betrachtet Kaier als Leitspruch und Ansporn der Contracting-Branche.
Die Bioenergie GmbH in Buchenbach hat Kaier im Herbst vergangenen Jahres gegründet. Seitdem setzt er ausschließlich auf Energie aus Biomasse: zu so genannten Pellets gepresste Sägespäne und andere Naturstoffe. Die Idee kam ihm nach einem Auftrag für ein Freiburger Sägewerk. Diesen Betrieb brachte er so auf Vordermann, dass die Sägespäne nicht mehr gebraucht wurden, die vorher zwecks Wärme- und Dampferzeugung verbrannt wurden. Zu Pellets verarbeitet ließ sich allein mit ihnen ein Städtchen mit 30.000 Einwohnern versorgen.
„Es gibt ein unendliches Angebot an natürlicher Biomasse“, entdeckte Kaier. „Und es gibt einen unendlichen Bedarf an Strom und Wärme.“ Abnehmer findet sein Unternehmen in der Industrie, aber auch in Schulen, Krankenhäusern oder bei Privatleuten. „Familien können unsere Pellet-Briketts als Grillkohle verwenden“, erklärt er. „Und Industriebetriebe ersetzen die Importkohle aus Kolumbien mit Industriepellets.“ Im Rahmen von Contracting übernimmt Kaiers Bioenergie auch mal ein altes Kesselhaus samt Wärter und ersetzt das Öl durch Pellets. „Dem Unternehmen verkaufen wir dann die Wärme“, erklärt er.
Das größte Wachstumspotenzial für Contracting-Dienstleistungen sieht Kaier in der Industrie. Doch Industriekunden schließen erst Verträge ab, wenn man ein Netzwerk mit mehreren Standorten bieten kann. „Bei einem Standort fragen die sofort: ‘Und was ist, wenn ihr abbrennt?“, weiß er. Mit fünf Standorten wartet die Bioenergie GmbH mittlerweile auf. Sieben Standorte sollen es allein in diesem Jahr werden.
An allen Standorten arbeitet die Bioenergie GmbH mit mittelständischen Partnern zusammen. „Die brauchen Sie einfach, um einen geschlossenen Kreislauf mit mehreren Standorten aufzubauen“, ist Kaier überzeugt. Daher kommt die Kerngesellschaft samt Tochterunternehmen mit insgesamt 16 Mitarbeitern aus. Jeder neue Standort bringt laut Kaier im Schnitt zwei bis vier Millionen Euro Umsatz. Sägewerke, Forstunternehmen oder Landwirte liefern die Rohstoffe. Eine Weizenmühle verarbeitet die Späne, Maiskolben oder das Forstmaterial zu Pellets. Weitere Partner sind eine Spedition und ein Pellethändler. Auch im Ausland sitzen mittlerweile erste Partner: in Chile, Russland und Dänemark.
Erneuerbare Energien sind eben auch in anderen Ländern angesagt. Bis zum Jahr 2015 soll eine Milliarde Menschen aus erneuerbaren Energien versorgt werden, das legten die 154 Teilnehmerstaaten in einer politischen Erklärung fest. Die Weltbank will die Kredite für erneuerbare Energien und Energieeffizienz in den nächsten fünf Jahren um jährlich 20 Prozent auf mehr als 400 Millionen US-Dollar erhöhen. Einer Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zufolge könnten die Investitionen in erneuerbare Energien in den nächsten 15 Jahren weltweit 1,6 Billionen Euro betragen. „Es gibt ein enormes Potenzial für Geschäfte“, erwartet einer der Autoren Andrew Dlugolecki.
In Deutschland prägen vor allem Windräder das Bild der sauberen Energie. Zur Zeit verschieben sich die Gewichte von der Wind- zur Sonnenenergie. Grund sind zum einen die mit dem zum Januar diesen Jahres novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz verschärften Förderregeln für Windkraftanlagen. Zum anderen verbessert das EEG die Stromeinspeisevergütung für Solarenergie erheblich. Auch die Größenbegrenzung auf 100 Kilowatt fiel weg. Das erleichtert die Finanzierung von Großanlagen durch geschlossene Fonds.
Dank der zunehmenden Sicherheit für Investoren wird die deutsche Solarenergiebranche mittlerweile nur noch von Japan übertroffen, wo die Förderung seit Jahren hoch ist. 2003 lag der Umsatz für Solarwärme und -strom bei 1,3 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es 840 Millionen. Für 2004 erwartet die Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft e.V. (UVS) in Berlin 1,65 Milliarden Euro. „Davon profitieren hauptsächlich das deutsche Handwerk und der Mittelstand“, erwartet UVS-Geschäftsführer Carsten Körnig.
So steigerte die Conergy AG in Hamburg im vergangenen Jahr ihren Umsatz um 67 Prozent auf 122 Millionen Euro. Rund zehn Prozent davon stammen aus dem europäischen Ausland. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Martin Rüter ist zuversichtlich, dass das starke Wachstum anhält. Das spiegeln auch die steigenden Mitarbeiterzahlen des 1998 gegründeten Unternehmens. Ende 2003 waren es 192 Mitarbeiter, derzeit sind es 263. „Und Ende diesen Jahres werden es deutlich mehr als 300 Mitarbeiter sein“, kündigt er an. Zu seinen Kunden zählt der der Kompletthersteller von Solaranlagen zur Wärme- und Stromerzeugung den Elektrofachgroßhandel und Installateure, die die Produkte zum Beispiel an private Hausbesitzer weitergeben sowie Solarfondsanbieter.
„Im Moment erweitern sich die Abnehmergruppen“, sagt Rüter. „Denn wer in Solaranlagen investiert, wird unternehmerisch tätig“, erklärt Rüter. Er tritt nun als Energieproduzent in Aktion, der Strom in das öffentliche Netz einspeist und dafür vergütet wird. Immer mehr Landwirte knallen sich Sonnenkollektoren auf Stall oder Scheune. Auch Hausbesitzer sehen die Solaranlage zunehmend als Investitionsobjekt. Auch produzierende Unternehmen entdecken diese Investitionsmöglichkeit zunehmend für sich. „Sie lassen sich eine Anlage installieren oder vermieten ihr Dach“, sagt Rüter.
Und alle werden sie prächtig dran verdienen, rechnete die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich vor. So sei die Rendite einer Solaranlage über 20 Jahre deutlich besser, als etwa die einer Bundesanleihe: Fünf bis sechs Prozent gegenüber nicht einmal 4,5 Prozent. Die Ertragsschwankungen je nach Wetter sind dabei laut Rüter bei der Sonnenenergie mit bis zu zehn Prozent niedriger als bei den hierzulande als zuverlässiger geltenden Windkraftanlagen mit rund 30 Prozent.
„Das Spannende ist: Das Potenzial ist weit größer als bei jeder anderen Energieform“, freut sich Rüter. „Jeder, der ein Dach hat, kann sich eine Anlage anschaffen – Hauptsache die Statik stimmt und die Sonne scheint drauf.“
Kasten: Hier liegen die Wachstumschancen
Mittelständlern bieten sich in der Energietechnikbranche gute Geschäftschancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Erzeugung bis zum Endkunden.
Erzeugung
Produkte und Dienstleistungen rund um dezentrale Anlagen – für konventionelle und erneuerbare Energien sowie zukünftige Möglichkeiten wie etwa die Brennstoffzelle, die zur Wärme- und Stromerzeugung dient.
Übertragung und Verteilung
Hard- und Softwareausstattungen rund um Produkte und insbesondere Dienstleistungen bei Ausbau und Ersatzinvestitionen von Netzen: Kabel, Schaltanlagen oder Überwachungs- und Steuerungskomponenten sowie deren Montage.
Anwendung
Produkte und Dienstleistungen rund um Gebäudeautomatisierung, Steuertechnik, Gasmesstechnik oder weiteren Anwendungen, die sich aus dem neuen Handel mit Emissionsrechten ergeben werden.
Steigerung der Effizienz
Modernisierung veralteter Anlagen und Netze, zum Beispiel als Dienstleister für eigenversorgte Industriebetriebe im Rahmen von Contracting; Elektronikkomponenten im Bereich der Gleichstromübertragung; Produkte zur Erhöhung der Strom- und Spannungsqualität (Power Quality) wie etwa Blindleistungskompensationsanlagen, Elektrowärmepumpen, Einsatz von dynamischen Lastflussregelungen in den Netzen, so genannte FACTS.
Erneuerbare Energien
Herstellung von Komponenten und Anlagen zur Erzeugung von erneuerbarer Energie aus Sonnenlicht, Wind, Biomasse, Wasserkraft oder etwa Erdwärme; Dienstleistungen bezüglich Beratung, Förderung oder Finanzierung und Installation.
erschienen im August 2004 in Markt und Mittelstand
Und:
Milliardenmarkt unter Dampf
Mit dem Bau und der Modernisierung von Kraftwerken lassen sich in den kommenden Jahren Milliarden verdienen. Der Markt bietet Mittelständlern jede Menge Chancen. Und hält die ein oder andere Überraschung parat – selbst für Fachleute.
Seit 1988 liegt das Atomkraftwerk in Lingen an der Ems im Dornröschenschlaf. Eine Handvoll Sicherheitsleute bewacht das hermetisch abgeriegelte Gelände. Bis 2013. Dann soll die Radioaktivität der verbliebenen Pumpen, Rohre und anderer Komponenten auf zehn Prozent gesunken sein und das Kraftwerk abgerissen werden. Auch der Reaktor in Hamm-Uentrop wird bewacht. Hier werden 2009 die Bagger anrollen.
Beim 1972 gestarteten Siedewasserreaktor in Würgassen starteten die Abrissarbeiten 1997 – gut zweieinhalb Jahre nach der Stillegung wegen eines Haarrisses am Zylinder nahe dem Reaktorkern. Dauern werden die Arbeiten voraussichtlich bis 2010. Jedes einzelne Teil der 255.000 Tonnen Material wird angefasst, etwa 3000 Güterwaggons voll.
Experten sehen einen immensen Bedarf an Kraftwerksneubauten und –modernisierung. Übereinstimmenden Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2020 Kraftwerke mit einer Leistung von 40.000 Megawatt aus Altersgründen ersetzt werden müssen – das entspricht etwa 40 Atomkraftwerken oder anders ausgedrückt rund einem Drittel der gesamten derzeitigen Kraftwerksleistung. Ein Markt von 60 Milliarden Euro tut sich auf, von dem auch zahlreiche Mittelständler profitieren werden. Soviel steht fest. Doch es gibt auch Überraschungen – selbst für Experten.
Insgesamt 20 Atomkraftwerke stehen auf der Liste der bedrohten Meiler. Für sie sieht der Atomkonsens die Stillegung vor. Daß der Konsens, den die rot-grüne Bundesregierung mit den Energieversorgern aushandelte, tatsächlich den Atomausstieg bedeutet, bestreiten Naturschutzverbände wie etwa Greenpeace oder der BUND. Ausstieg hin, Ausstieg her – soviel ist klar: Neue Kraftwerke müssen her, da sind sich die Experten einig.
Wichtigster Grund für den Erneuerungsbedarf ist ohnehin nicht der Atomausstieg, sondern vielmehr die veralteten Anlagen. Die vier großen Energieversorger EnBW, e.On, RWE und Vattenfall zögerten Investitionen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren immer wieder hinaus – wegen schwankender Preise für Gas, Kohle und Kohlendioxidemissionen ebenso wie wegen der unklaren Gesetzeslage. Ein Block im Braunkohlekraftwerk Niederaußem entstand in der Zeit. Modernisiert wurde nur das Nötigste.
Für den Mittelstand dürfte bei der anstehenden Runderneuerung des Kraftwerksparks ein großes Stück vom Kuchen abfallen, erwartet Theis. Die Siemens Power Generation – seit Jahren häufig als Generalunternehmen im Einsatz – kauft jeweils dort ein, wo das Kraftwerk gebaut wird, erklärt Einkaufsleiter Markus Reisman. „Bauleistungen, Brandschutzvorrichtungen, Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik, aber auch Tanks und Telefonanlagen geben wir dabei normalerweise an Mittelständler“. Ebenso wie die Elektrotechnik oder Isolierungen.
Überraschung Nummer eins bei der anstehenden Entwicklung: Die vielgeschmähte Kohletechnologie ist wieder im Kommen. „Der Grund dafür sind die stark schwankenden Preise für Erdgas“, erklärt Karl A. Theis, Präsident** des Verbands der Großkraftwerksbetreiber (VGB). „Sie sind der große Nachteil von Gaskraftwerken.“ Denn hohe Brennstoffpreise schmälern die Rendite eines Kraftwerks. Sonst haben Gas- den Kohlekraftwerken viel voraus: Die Anlagentechnik ist überschaubar, die Investitionskosten niedriger und die Errichtungszeiten kürzer als bei Kohlekraftwerken. Gas ist außerdem umweltfreundlicher und – zumindest bislang – effizienter. Bei Kohlekraftwerken müssen dagegen aufwändige Verfahren Schwefel, Stickstoff, Staub und Kohlendioxid eindämmen. Nicht zufällig sind 27 der 30 vom World Wide Fund for Nature (WWF) in Deutschland als „Top-Klimakiller“ identifizierten Kraftwerke Kohlekraftwerke.
Der Weltmarktpreis für Kraftwerkskohle wird sinken, erwartet Mathias Krahl, Geschäftsführer der Unternehmensberatungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) in Frankfurt. Ein wichtiger Grund für das Comeback der Kohle. Für die derzeit hohen Gaspreise prognostiziert er dagegen Stagnation.
„Interessant wird die Kohleverstromung aber auch durch den technischen Fortschritt“, erklärt Krahl. Die Vision vom Null-Emissions-Kraftwerk blitzt auf. Dieses gilt als eine Art Allesfresser, das Mischungen aus Kohle und Biomasse, Kohle und Petrolkoks und sogar flüssigem Asphalt verbrennen kann – angeheizt von reinem Sauerstoff. Das entstehende Gas wird anschließend in einer Gasturbine verbrannt, ohne Ruß auszustoßen.
Die Experten wollen aber nicht nur die Emissionen reduzieren. Daneben arbeiten sie fieberhaft an einer höheren Effizienz. Die erreichen sie, indem sie den Kraftwerken – oder genauer: dem in ihm eingesetzten Dampf – stärker einheizen. „Bei den heute möglichen 600 Grad Temperatur und 250 bar Druck werden nur etwa 40 Prozent der eingesetzten Energie in Strom umgesetzt“, erklärt Theis. Das ist ein vergleichsweise geringer Wirkungsgrad. Daher arbeitet etwa in der Versuchsanlage Comtes in Block F des e.On-Kohlekraftwerks Scholven bei Gelsenkirchen ein Konsortium europäischer Energieunternehmen daran, 700 Grad Temperatur und 350 bar Dampfdruck zu erreichen. Hierbei sind immerhin 50 Prozent Wirkungsgrad drin.
Mit Braun- oder Steinkohle wird gut die Hälfte der künftigen Kraftwerke befeuert werden, prognostiziert die BCG in einer aktuellen Studie. Ihr zufolge planen die Stromkonzerne derzeit den Bau von 23 konventionellen Kraftwerken mit einer Leistung von rund 19.000 Megawatt. Dabei – und das ist Überraschung Nummer zwei – entfallen elf der Kraftwerke mit 7740 Megawatt auf kleine, unabhängige Wettbewerber. „Da waren wir schon sehr verwundert“, gibt Krahl zu. Kleine Versorger und neue, zum Teil ausländische Marktteilnehmer seien dabei besonders aktiv. So plant der norwegische Stromkonzern Statkraft auf dem Gebiet von Marktführer RWE mit Partnern zusammen den Bau von zwei Kraftwerken für 700 Millionen Euro. Die belgische Electrabel will ebenfalls zwei Kraftwerke bei Hamburg und Saarbrücken hochziehen.
Auch die Zahl kleiner, unabhängiger Stromproduzenten steigt Krahl zufolge rapide. Die Stadtwerke Duisburg und Münster planen Gaskraftwerke mit je 240 Megawatt und das Stadtwerk Wuppertal sowie die Mainova aus Frankfurt jeweils 75- bis 80 Megawattanlagen. Hinzu kommen zahlreiche Industrieunternehmen wie etwa die BASF, die zunehmend häufig eigene Kraftwerke installieren, um sich von der etablierten Stromwirtschaft mit ihren Gebietsmonopolpreisen unabhängig zu machen.
Hier eine kleinere Umbaumaßnahme, dort die Modernisierung der Automatisierungstechnik. Darin bestand das Kraftwerksgeschäft der Natus GmbH in Trier in den vergangenen Jahren. Seit anderthalb Jahren ziehen die Auftragseingänge mächtig an, freut sich HXXXX** Hafele, der für den Schaltanlagensystemhersteller die Großkunden bedient – Energieversorgungsunternehmen und Generalunternehmen wie Siemens Power Generation. „Wir spüren einen richtigen Ruck.“
Dass das Geschäft sich verändert hat, stört dabei nicht. „Früher haben die Kraftwerksbauer Trafo, Mittelspannungs- und Niederspannungsschaltanlagen, Planung und Montage einzeln abgenommen“, erinnert sich Hafele. „Heute liefern wir zunehmend komplette Lösungen.“ Hafele wundert das nicht. Schließlich sei nicht nur die Personaldecke in der Branche in den vergangenen Jahren geschrumpft: von 217.600 Beschäftigten 1991 auf 142.000 im Jahr 2000. Auch die Zahl der konkurrierenden Unternehmen habe sich halbiert.
Natus mit seinen 500 Mitarbeitern und 60 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr will die Marktsituation nutzen, seine Stellung auszubauen. „Neben Siemens und ABB wollen wir bei der Lieferung von E- und Leittechnik dritte Kraft werden“, sagt er. Das Know-how baut Natus nach Möglichkeit selbst auf oder geht Partnerschaften ein.
Ob in Kohle, Gas, Biomasse oder Atomenergie investiert wird, spielt für das inhabergeführte Familienunternehmen keine Rolle. „Unsere Schaltanlagen können Sie unabhängig vom Brennstoff einsetzen“, erläutert Hafele. Ein gutes Geschäft erwartet er in allen Bereichen. „Schließlich müssen auch die 30 bis 40 Jahre alten Schaltanlagen vieler Atomkraftwerke irgendwann erneuert werden“, weiß er.
Neben der Dachkonstruktion für die Arena Auf Schalke finden sich Atomkraftwerke wie das in Brokdorf, Brunsbüttel, Mülheim-Kärlich, Biblis oder Iran sowie zahlreiche fossil betriebene Kraftwerke auf der Referenzliste der Ingenieurgesellschaft für Statik und Konstruktion mbH (ISK) in Dortmund. „Im Bereich der Kerntechnik waren wir in den 80ern sehr aktiv“, erklärt Geschäftsführer Gerd Schönwälder. Seit geraumer Zeit fallen hier bestenfalls Umrüstungen an.
Zum ursprünglichen Schwerpunkt Rohrleitungssysteme für Kraftwerke kamen mit den Jahren Planungen und Berechnungen für Stahlbau, Behälter und Kesselbau, Maschinen- und Anlagenbau sowie Montage und Bauwesen oder etwa Umwelttechnologie hinzu. „Die Entstaubung von Gasen und Dämpfen“, sagt Schönwälder. Seine Kunden sind in erster Linie Rohrleitungsbauer. „Die Versorgungsunternehmen planen in der Regel selbst oder geben den Auftrag an ein Generalunternehmen wie Siemens, ABB oder etwa Alstom.
Das Kraftwerksgeschäft des 22 Mitarbeiter zählenden Unternehmens macht derzeit rund 40 Prozent vom Umsatz aus – die Hälfte davon Aufträge aus dem Ausland: England, Irland, Österreich oder jetzt auch Ungarn. „Aber es ist im Werden“, meint Schönwälder, das spüre man deutlich. „Es stehen mehr Neubauten an, als ich gedacht und gewusst habe“, räumt er ein. Gut für sein spezialisiertes Unternehmen. Denn für das was geplant und gebraucht werde, sieht Schönwälder bei den inländischen Großanlagenbauern zuwenig Kapazitäten. „Von daher sehen wir unsere Zukunft sehr positiv“, sagt Schönwälder.
Der massive Personalabbau bei den Kunden veränderte auch sein Geschäft. „Immer öfter entsenden wir Ingenieure zu unseren Kunden, damit diese vor Ort planen und konstruieren“, erklärt Schönwälder. Selbstverständlich mit Erlaubnis des Landesarbeitsamtes. „Ihre Rechner bringen die Mitarbeiter mit –statt der geplanten sechs Wochen bleiben sie dann zwei Jahre.“
Kasten: Kraftwerksneubau und –modernisierung
Hier liegen die Wachstumschancen
Rund 80 Prozent aller Elektrizitätskraftwerke sind Dampfkraftwerke – unabhängig davon, ob Gas, Kohle oder Atomenergie als Brennstoff verwendet wird. Beim Dampfkraftwerk wird aus gereinigtem und entsalztem Wasser Dampf im Kessel erzeugt. Über Rohrleitungen und einen Zwischenerhitzer strömt dieser anschließend in die Turbine, die durch die Wärme in Bewegung versetzt wird. Ein Generator setzt die Turbinenbewegung in elektrische Energie um. Der abgekühlte Dampf strömt anschließend in den Kondensator. Dort kühlt das Wasser und wird anschließend wieder in den Dampfkessel geleitet. Auf allen Stufen der Stromerzeugung werden Produkte und Dienstleistungen mittelständischer Unternehmen eingesetzt, beispielsweise:
Kessel: Kesselanlagen und –zubehör sowie Rohre
Turbinen: Kraftmaschinen, Arbeitsmaschinen wie Verdichter und Pumpen, Kondensatoren, Rohrleitungen, Filter- und Reinigungsanlagen, Gase.
Generator: Wellen, Motoren oder etwa Rotoren vor allem für Drehstromgeneratoren.
Kondensator: Kondensatoren, Rohrleitungen, Filter- und Reinigungsanlagen
Pumpe: Kondensat- und Kreiselpumpen sowie –zubehör.
Rohrleitungen: Rohre, Formstücke, Armaturen, Dichtungen, Verbindungselemente wie Flansche, Fittinge, Verschraubungen, Muffen, Schweiß- und Lötnähte, Pressverbindungen sowie Konstruktions- und Planungskapazität.
Maschinenhaus: Baudienstleistungen und –materialien, Turbinen, Generatoren, Kräne, Meß-, Regel-, Steuer und Leittechnik sowie -geräte, Schalt- und Rechenanlagen, Arbeitsmöbel.
Kühlturm: Baudienstleistungen und –materialien, Motoren, Kondensatoren, Ventilatoren, Verflüssiger, Wasserkühler- und –behälter, Rohre, Düsen, Beschichtungen
erschienen im Dezember 2005 in Markt und Mittelstand
