Besuch beim Parlament der Bäume in Berlin

Foto: Marimba7991 (Wikimedia Commons-Lizenz:)

Im Mai 2001 haben wir mit den Print-Lehrredaktionen des Journalistischen Seminars eine Reise ins Regierungsviertel in Berlin unternommen. Unter anderem waren wir beim „Parlament der Bäume“ von Ben Wagin. Darüber ist eine Reportage entstanden. Zahlreiche interessante und lehrreiche Termine hatten wir dort. Dieser hat mir besonders gefallen. Die Stiftung Berliner Mauer hat den Gedenkort kürzlich übernommen und wird ihn weiter pflegen und verwalten.

Gute Erinnerung und gut zu sehen, was draus geworden ist. Hier ist meine Reportage von damals:

Blättrige Vertreter für die Sommerpause

Eine bunte Oase hinter dem Berliner Reichstag erinnert an Opfer von Krieg und Gewalt. Mit dem Parlament der Bäume versucht Aktionskünstler Ben Wagin die Symbiose mit der großen Politik.

„Auch der Baum, auch die Blumen
warten nicht bloß auf unsere Erkenntnis.
Sie werben mit ihrer Schönheit und Weisheit
aller Enden um unser Verständnis.
(Christian Morgenstern)

Einen Steinwurf vom Bundestag entfernt, sperrt sich eine randvoll mit Blumen und Bäumen gestopfte Oase gegen den Asphalt. Etwas kleiner als ein halbes Fußballfeld ist dieser Ort und von vorne bis hinten wächst ein Überbleibsel der Berliner Mauer hindurch. Vögel zwitschern und lange, buschige Grashalme wiegen im Wind. Inmitten von Baulärm und Parlamentsgebäuden weht der Duft von Gras und Blumen in die Nase. Die Sonne schmeichelt warm vom Himmel.

Hier im Parlament der Bäume sucht eine drei Meter hohe Rubinie mit gelb ziselierten Blättern den Himmel, genau wie die schlanken und etwas kleineren Birken, Ahorn, Kirschbäume, Eschen und Gingkobäume. Mit ordentlich gebundenen weißen Schleifen um den Hals blicken sie artig in das grün-bunte Geviert. Halb abgepusteter Löwenzahn, Gänseblümchen und lila Blumen sprießen im Gras. Ordentlich gesetzt stecken rot-orange und lila Tulpen das Terrain zum Schiffbauerdamm hin ab. „Europa Gingko Art – Gedenkstätte für die Toten an der Berliner Mauer“ prangt auf eineinhalb mal einem Meter Granit den Spaziergängern auf der Straße entgegen.

Dieses Biotop konserviert Erinnerung. Den Weg diesseits der Mauer säumen Grabsteine. Sie sind den Toten der innerdeutschen Grenze gewidmet, die von Lübeck bis Hof das Land zerteilte. Zwei aus Granit geschlagene Platten erzählen von dem und der „Unbekannten“. Ein Fliegerangriff der Russen tötete kurz vor Kriegsende 1945 Hunderte Berliner – die meisten von ihnen Jugendliche. Hellblaue Gipsabdrücke von kleinen und großen Gebissen sind vor den beiden Platten in den Sand gesetzt. Das sei es, was von Menschen übrig bleibt, die jung genug waren, mit eigenen Zähnen zu sterben, sagt Ben Wagin. Der Berliner Aktionskünstler legte den Denkgarten im März 1990 an.
Hellblau verrostete Türen im Innern der Mauer öffnen Luftschlösser für 25 DDR-Soldaten, die an der Berliner Mauer vom Leben lassen mussten. Doch das Mauerinnere fängt sie wieder ein.

In der Rumpelkammer dahinter lagert Wagins Gerät. Damit wässert, pflanzt und hegt er seine Bäume. Das Grundstück mitten im Brustkorb der Stadt schwatzte der 70-Jährige dem ehemaligen DDR-Grenztruppengeneral Dieter Teichmann direkt nach der Maueröffnung ab.

Wenn er von der Demokratie und ihren Vertretern spricht, regt der zierliche Alte sich auf. Dass sie ihm einmal so nahe rücken würde, wusste er vor über zehn Jahren nicht. Daher wundert es ein bisschen weniger, dass einer wie er die Politik förmlich umarmt. Eines Morgens ist Ben Wagin neben ihr aufgewacht. Um ihn herum wurde es plötzlich Hauptstadt. Der Müllkünstler, Baumpflanzer und Galerist lebt in einem Glauben: „Man kann mit Politik keine Kultur machen, aber vielleicht mit Kultur Politik.“ Das schrieb er in großen Lettern auf eines der 37 Original-Mauerstücke.

Vieles, was hier im Garten mit den Blättern rauscht, ist durch die Hände von Politikern gegangen. Noch bevor in Berlin die erste Parlamentssitzung begann, setzte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth für Ben Wagin einen Gingko. Wagin nutzt die Tribunen und lässt sich benutzen – offensichtlich mit Vergnügen.

Ursprünglich war sein blättriges Freiluft-Parlament viel größer. Doch Bagger und Baugeräte nagten am Gelände. Viele seiner sprachlosen Abgeordneten versetzte Wagin deswegen außer Dienst – an Schulen in anderen Teilen der Stadt. Die Arbeit lastet nun auf weniger Astgabeln. „Wenn die Parlamentarier in Urlaub fahren, übernehmen wir die Regierungsfunktion“, brüstet sich Wagin.

Einer seiner Abgeordneten hat bereits seinen Geist aufgegeben – Bagger gruben ihm das Wasser ab. Nun liegt er tot auf der ungestutzten Wiese. Die abgefressenen Wurzeln ruhen auf einem Steinklotz – Mahnmal seiner selbst und für den Schaden, den der Mensch der Natur verursacht.

„Bäume sind soziale Wesen, wie wir sie nicht sind“, meckert der Aktionist los. Unter der grünen Ledermütze mit dem kupferüberzogenen Gingkoblatt ziehen feine Rillen durch sein Gesicht. Bäume wurzeln in der Erde, spenden Schatten, ernähren Käfer und Insekten, verströmen Sauerstoff in die Luft – richten einander keinen Schaden an. „Dass Demokratie sich jemals für das Schwächere entschieden hat, wüsste ich nicht“, schiebt der Naturapostel hinterher.

Der Baulärm schwillt plötzlich auf doppelte Lautstärke. Im Rohbau gegenüber bohrt sich ein Schlagbohrer quietschend in die Mauern. Presslufthämmern weht herüber und über dem Platz scheint nichts als Staub. „Wir sind Natur“, versucht Wagin das Getöse zu übertönen. „Aber wir verhalten uns nicht so.“ Was es Menschen an Gewalt zu tun gefällt, müsse die Natur ausgleichen. Mit einer leichten Drehung drückt er seinen Fuß in das Gras. „Auch das hier ist Gewalt – aber es gleicht sich wieder aus.“

Drei Pershing-Raketen schießen aus einem Männergesicht. „Urteile“ pinselte Wagin daneben auf die Mauer, und „verurteile“. Eine Taube hat sich in einem schwarzen Baum verfangen. Dessen großer Mund streckt sich gierig nach links. Auf einem Ast weiter oben kuschelt sich ein Eulenpaar aneinander. Die Wurzeln bahnen sich ihren Weg in den Beton, dicke Zweige fliehen nach rechts zum Himmel. Ein paar Schritte weiter schauen einen wabernd weiße Gestalten an. Ein geisterhaftes ernstes Mädchen und ein lächelnder Mann mit Brille auf der Nase gehen neben dem Geist Frank Zappas auf. Verrostete Stahlträger durchdringen die Mauer – Gitter im steinernen Fleisch gefangen. Eine Aufschrift weiß: „Der Baum bist Du.“

Gingkos und Eschen und Kirschbäume stehen unschuldig in der Landschaft herum. Wissend und auf höhere Art intelligent, denkt Ben Wagin sicherlich. Intelligenter zumindest, als die meisten Menschen. Die wüssten zwar, wie man alles auseinandernehme, sagt er. Wie man es dann aber wieder zusammenbekommt, wüssten sie allerdings nicht.

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