Meine journalistische Abschlussarbeit

Meine Abschlussarbeit für das Aufbaustudium Journalistik am Journalistischen Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz

Thema/Aufgabenstellung durch das Journalistische Seminar lauteten:

„Tierpsychologie
Hundesalon war gestern. Heutzutage gehen Haustierbesitzer mit ihrem Tier nicht zum Tierfriseur, sondern zum Tiertherapeuten. Was kann der tun, damit der Hund nicht Amok läuft?
Form: Feature“

von mir gewähltes Medium: Print

Datum der Aufgabenstellung: 14. Oktober 2002

Der so entstandene Artikel:

Monster auf vier Pfoten

Wenn Haustiere im Dreieck springen, sind Tierpsychologen zunehmend gefragt. Sie verhindern so manchen Amoklauf – wenn auch nicht von heute auf morgen.

Zerbissen aber freundlich, so wirkte der Boxerrüde. Also holte ihn die Frankfurter Tierärztin Cornelia Ries aus der Tierpension zu sich. Immerhin hatten die Tierschützer des süddeutschen Boxer-Hilfsvereins ihr erzählt, Bongo sei lieb. Nur bei Kindern solle sie aufpassen. Auch auf eine Blutkrankheit wiesen sie sie hin. Kaum zwei Wochen später schleppte Ries den Vierbeiner zum Tierpsychologen. Der weckte in dem Boxer zunächst böse Erinnerungen. “Ein großer Mann in einem geschlossenen Raum”, beschreibt es die 37-Jährige.

Was die Pfleger im Heim nicht bemerkt haben wollen: Bongo hatte sehr große Angst vor Menschen. “Vor allem vor Männern”, erinnert sich Ries. Überhaupt vor allem, was sich bewegte. Im Freien tippelte er auf Zehenspitzen. Argwöhnisch beäugte er jedes im Wind wehende Blatt. Fremde Hunde mähte Bongo nieder und knurrte sie von oben herab an. Sahen Menschen ihm in die Augen oder beugten sich über ihn, fühlte er sich bedroht: Ducken, Knurren, Zähnefletschen.

So geriet der Boxer selbst zur Bedrohung. “Einmal bin ich durch den Raum gegangen, um ein Spielzeug aufzuheben”, blickt Ries zurück. “Da hechtete er auf mich zu.” Beinahe hätte er ihren Unterarm erwischt. Die Offenbacher Gemeinschaftspraxis von Tierverhaltenstherapeut Stephan Gronostay war ihre einzige Hoffnung. “Wenn sie dort nicht hätten helfen können, hätte ich Bongo eingeschläfert”, erzählt sie.

Wenn sich Haustiere auffällig verhalten, schadet das meist Mensch und Tier. Erziehungsversuche spitzen die Situation oft zu. Selbst erfahrenen Tierhaltern unterlaufen Kommunikationsfehler. Der Tierpsychologe hilft, Teufelskreise zu durchbrechen und bewahrt Boxer oder Traberstute vor dem Amok­lauf. Dazu braucht er nicht nur das verhaltenskundliche Rüstzeug. Auch das ABC der Halterpsychologie muss er beherrschen. Der Halter dagegen braucht vor allem eins: Ausdauer.

Tierpsychologie ist ein anderes Wort für angewandte Ethologie, also Verhaltenskunde. Als geistiger Vater dieser Wissenschaft gilt Konrad Lorenz. Ethologen beobachten und beschreiben das Verhalten von Tieren und Menschen in verschiedenen Lebens­phasen – etwa bei Jagd und Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung und Überlebenskampf, Erholung und Spiel. “Nur wer weiß, welches Verhalten bei einem Tier normal ist, kann eine Verhaltensstörung überhaupt erst erkennen”, ist Franzbernd Döpper überzeugt, Vorsitzender des Verbandes der Haustierpsychologen (VdH).

Viele Menschen grinsen, wenn sie den Ausdruck Tierpsychologie hören. Die wenigsten jedoch können sich etwas darunter vorstellen. Wie auch? Immerhin ist diese Dienstleistung hierzulande wenig verbreitet. 77 Praxen für Verhaltenstherapie zählte die Bundestierärztekammer im Jahr 2001.

Die Bezeichnung Tierverhaltenstherapeut dürfen Tierärzte in ihr Praxisschild gravieren lassen, die eine entsprechende Facharztausbildung oder Weiterbildung durchlaufen haben. Die Bezeichnung Tierpsychologe dagegen ist nicht geschützt. Viele bieten ihre Dienste nebenberuflich an, manche über eine 0190-er-Nummer. “Die Zahl der Quacksalber ist groß”, klagt VdH-Vorsitzender Döpper. Seinem Verband gehören 43 diplomierte Ethologen an.

In den USA und Großbritannien ist die Zunft stärker professionalisiert. Es gibt mehrere einschlägige Studiengänge. Die Schwelle für einen Besuch liegt tief. Schon, weil häufig Tierarzt, Tierheilpraktiker und Tierpsychologe in einer Praxis sitzen. Allmählich entwickelt sich die Tierpsychologie in Deutschland zum Wachstums­markt der Tiergesundheitsbranche. Allein in den Kursen der Akademie für Tierärztliche Fortbildung (ATF) zählt die Bundestierärztekammer 346 angehende Therapeuten.

“In gewissem Sinne ist es eine Mode”, räumt Barbara Schöning ein, Präsidentin der Hamburger Tierärztekammer und Verhaltens­therapeutin. Allerdings keine, die bald wieder abebben werde – dafür sind die Probleme wohl zu groß. “Immer mehr Menschen halten immer mehr Tiere auf immer weniger Raum”, analysiert sie. Der Zucht­erfolg: Ein Zoo von Schwierigkeiten. Aggressivität, Angst oder Unsauberkeit sind die häufigsten Gründe, dass Herrchen oder Frauchen Rat suchen.

“Echte Verhaltensstörungen sind selten”, weiß Schöning. Oft wünschen sich Hunde-, Katzen- oder Papageienbesitzer einfach, dass der Therapeut ihren Liebling von lästigem Verhalten befreit. “Nicht rauf auf die Couch, sondern runter von der Couch”, witzeln daher einige Vertreter der Zunft. Doch störendes Verhalten ist längst keine Verhaltensstörung. Die medizinisch-psychologische Bedingung ist erst erfüllt, wenn Verhalten nicht artgerecht ist – oder artgerecht, aber gesundheitlich oder sozial schädlich für das Tier.

Stephan Gronostay sitzt auf dem Schreibtischstuhl und macht sich Notizen. Der Therapeut löchert: Jagt der Hund? Heischt er um Aufmerksamkeit? Legt er sich mit anderen Hunden an? Steht er mehr auf Leckerli oder Spielzeug? Was frisst er? Dabei beobachtet er das Tier unentwegt. Die erste Sitzung dauert rund zwei Stunden – inklusive Spaziergang und Probespiel. Vor einem Jahr hockte Cornelia Ries ihm auf der schwarzen Ledercouch gegenüber und schilderte, wie ihr Hausgenosse sich aufführte.

Wahrscheinlich, so die Vermutung des Therapeuten, ist der heute rund zweijährige Bongo als Einzelgänger und Streuner aufgewachsen. An Reize war er von Welpenbeinen an nicht gewöhnt. Daher alarmierte ihn jede Kleinigkeit. “Er kannte kein einziges Spiel”, erinnert sich Ries. Mit Menschen konnte er nichts anfangen. Offenbar war er misshandelt worden. Vor allem südländische Männer jagten dem aus Spanien stammenden Bongo Angst ein.

Ist ein Verhalten als gestört oder bedenklich eingestuft, spürt der Verhaltenstherapeut den Ursachen nach. Aggressiv werden Tiere nämlich auch, wenn sie an Schmerzen leiden. Bei Bongo etwa vergrößerte eine Schilddrüsenunterfunktion noch die Unsicherheit. “Vor lauter Erregung hat er überhaupt nicht auf Frau Ries reagiert”, bemerkt Gronostay. Zudem war der Boxer gespannt wie eine Feder. “Bei jeder Bewegung sprang er weg.”

Auch Ticks können körperliche Ursachen haben. “So kann ständiges Pfotenlecken Zeichen für eine allergische Reaktion sein”, weiß die Wuppertaler Tierpsychologin Corinna Günther. Bei der ersten Untersuchung fragt sie stets, welche Untersuchungen der Tierarzt bereits gemacht hat. Auch von Vorerkrankungen und Medikamenten will sie wissen. Die Ethologin, Tiernaturheilkundlerin und Ernährungswissenschaftlerin weiß, dass auch die Ernährung auf das Verhalten wirkt. Der ehemaligen Traberstute Paco trieb sie Aggressionen mit einem sehr einfachen Rezept aus: “Mehr Raufutter, weniger Kraftfutter.” Von Katzen, die ins Wohnzimmer pinkeln, nimmt sie zuweilen Urinproben, um eine Blasen- oder Nierenentzündung auszuschließen.

Katzen stattet sie grundsätzlich Hausbesuche ab. “Bei ihnen ist oft die Umgebung das Problem.” Klo oder Futter an der falschen Stelle, kein geeigneter Kratzbaum. “Außerdem bringt es nichts, wenn eine von der Autofahrt verängstigte Katze vor mir sitzt.” Bei Hunden reicht es den Haustierflüsterern in der Regel, wenn sie in die Praxis kommen. “Bei ihnen geht es meist um ein Kommunikationsproblem”, begründet Stephan Gronostay.

Selbst erfahrenen Hundehaltern unterlaufen zuweilen Irrtümer und Missverständnisse. So ist vielen nicht bewusst, dass sie ihrem Liebling den Chefposten förmlich aufdrängen. Ein weit verbreiteter Trugschluss: Der Hund gehorcht, also erkennt er Frauchen als Rudelführer an. Falsch. “Das ist nur ein Trick”, schränkt Gronostay ein. “Mit dem hat er gelernt, sich etwas angenehmes zu verschaffen oder unangenehmes zu vermeiden.” Jeder Hund will ein möglichst hohes Tier sein – Instinkt. Gehorsam ist für ihn dabei kein Kriterium. Der Rang wird über kleine Gesten zugeteilt. Wenn Hundehalter jedes Heischen mit Nachgeben und Aufmerksamkeit belohnen, erklärt Gronostay, “signalisieren sie jedes Mal: Du bist der Chef.”

Wer Herrchen im Haus sein will, dem raten die Verhaltenstherapeuten, auch charmanteste Forderungen zu ignorieren. Für Spaziergang und Abendessen bestimmt Rudelführer Mensch die Zeit. Und wichtig: Er lässt sich niemals auf Raufspiele ein, betont Gronostay. Die Grenze zwischen Spiel und Ernst ist zu fließend. “Und der Hund darf keine Gelegenheit bekommen, sich in Kraft und Schnelligkeit zu messen”, warnt er. Dabei lernt der Hund nämlich nur eins: “Dass er es locker mit Herrchen aufnehmen kann.” In Ordnung sind dagegen Zerrspiele mit Ast oder Spielzeug.

Nach der Diagnose gibt der Ethologe den Besitzern ein Lern- und Trainingsprogramm auf den Weg – “auf Wunsch auch schriftlich”, sagt Gronostay. An ihnen hängt der Erfolg. “Auch wenn viele sich sicherlich wünschen, dass ich ein Mittelchen verschreibe und alles wird gut”, schmunzelt Günther. Doch so funktioniert die Tierpsychologie nicht.

Jeder Tierverhaltenstherapeut geht von derselben Annahme aus: Verhalten orientiert sich an Bedürfnissen. “Tiere tun, was ihnen gut tut”, bringt es Günther auf den Punkt. “Und vermeiden Dinge, die ihnen unangenehm sind.” Jedes Verhalten hat also Sinn. Welcher das ist, erkennt und erklärt der Tierpsychologe. Damit spielt er eine wichtige Rolle: Die des Dolmetschers zwischen Mensch und Tier.

Der Zweck jeder Therapie ist einfach: Unerwünschtes Verhalten nicht zu verstärken und stattdessen neue Verhaltensweisen einzuüben. Das klappt aber nicht von heute auf morgen. Der Besitzer konditioniert seinen Hausgenossen schrittweise auf das erwünschte Verhalten. Von Strafen raten Günther und Gronostay dabei dringend ab. “In Deutschland sehen die meisten Trainer das leider anders”, klagt Gronostay. Dabei bestärkt Strafe den Hund oft noch.

“Wenn der Besitzer straft, weil ein Hund andere Hunde bedroht”, gibt Gronostay ein Beispiel, “lernt der womöglich: ‘Immer wenn ein anderer Hund kommt, wird der Besitzer unangenehm.’” Er droht also noch mehr, damit der Artgenosse schneller weg ist – ein Teufelskreis. Dazu kommt, dass Strafe immer auch Aufmerksamkeit ist. “Neben Futter, Wasser oder Territorium eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt”, erinnert Gronostay. Die Strafe belohnt das Tier also gewissermaßen. “Schlimmstenfalls aber”, davor warnt er, “zerstören Hundebesitzer das Vertrauensverhältnis – vor allem, wenn sie Gewalt anwenden.” Die Folge: Angst und Erregung werden noch größer.

Mit Bongo nimmt Cornelia Ries Einzel- und Gruppenstunden in der Hundeschule von Gronostay und seinen beiden Kolleginnen – wie rund zwei Drittel der Praxisbesucher auch. Wenn der Boxer anfangs wieder mal vor Angst knurrte und Zähne bleckte, musste Ries das dem Therapieplan gemäß ignorieren. Stattdessen fesselte sie seine Aufmerksamkeit etwa mit einem Spielchen.

Von Mal zu Mal mutete sie ihm etwas mehr zu und desensibilisierte den Boxer so schrittweise. Wenn er ruhig blieb, ihr gehorchte und nicht an der Leine zerrte, belohnte sie ihn – mit Streicheleinheiten oder Leckerli. Klappte etwas nicht, fiel die Belohnung weg. Das Ziel: Den Hund kontrollierbar zu machen und Vertrauen aufzubauen.

An Menschen hat Bongo sich gewöhnt. Heute ist er gelassener. Nur südländische Männer beunruhigen ihn noch. “Wenn sie ihn intensiv anschauen”, erklärt Ries. So wie neulich der Kellner in der Pizzeria. Doch Ries lenkte Bongo schnell mit einem Stück Käse ab – mit Futter lässt er sich leicht bestechen. “Auch mit Streicheln klappt es gut”, ergänzt sie.

Heute kommen Ries und Bongo gut miteinander aus. Wenn er Gronostay sieht, freut sich der Boxer. Ries ist trotzdem vorsichtig. Seinen Kopf tätschelt sie bis heute nicht. Und soviel ist ihr klar: “Über ihn beugen darf sogar ich mich nicht.” Manchmal kommt er von selbst und kuschelt sich an. Ein Riesenfortschritt – auch wenn er die Schnauze wegdreht. Ausgelernt hat Bongo nicht. Zur Zeit auf dem Plan: Gutes Benehmen gegenüber fremden Hunden.

Die meisten ernsthaften Therapieversuche sind Erfolgsgeschichten, so die Erfahrung der Ethologen. Schwierig wird es, wenn Verhalten genetisch bedingt ist. “Bei wenigen, besonders aggressiv gezüchteten, Kampfhundlinien bleibt Therapie oft nur ein Versuch”, gesteht Günther ein. Und dann gibt es Grenzfälle, wie das Blaustirnamazonenmännchen Pedro.

Der Vogel wurde allein gehalten. Er war gerade geschlechtsreif geworden, da zog der Lebensgefährte seines Frauchens in die Wohnung. Pedro war eifersüchtig – er hackte, biss und grub dem Mann die Krallen in den Arm. “Völlig artgerecht”, urteilt Günther. Störend, aber nicht gestört. In einem solchen Fall rät sie, sich ein zweites Tier zuzulegen. Den Papagei von seiner vermeintlichen Störung zu befreien, sieht sie nicht ein. Sie stellt klar: “Das Problem ist der Mensch.”

Im Wartezimmer von Stephan Gronostay hängt das Foto eines Boxers hinter Glas. Brav sitzt Bongo auf den Hinterpfoten. Daneben silber auf schwarz eine Notiz: “Vielen Dank für die gute Betreuung eines Monsters auf vier Pfoten”.

Sie habe lange gebraucht, bis sie ihren Hund mochte, beschreibt Cornelia Ries ihr Empfinden. “Seit seine freundliche und verspielte Seite zum Vorschein gekommen ist, ist er ein goldiges Tier.” Mit Frau Else, ihrer Katze, spielt er gern und zieht ihr manchmal die Decke weg. Kein Vergleich zu früher. Nur an einem zweifelt Cornelia Ries: Dass Bongo ihr jemals rückhaltlos vertrauen wird.

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© Midia Nuri

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